Monatsimpuls Mai 2026


Die Gaben des Heiligen Geistes

Wir feiern das heilige Pfingstfest. Wir feiern die Aussendung des Heiligen Geistes. Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis sich dieses Fest in der Kirche etabliert hat. Dieser Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht und der Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht ermöglicht. Kein Wunder, dass dieses Hochfest weniger populär zu sein scheint, als Feste wie Ostern und Weihnachten.

Dieser Heilige Geist kommt in Feuer und im Sturmwind. So sind die Pfingstbilder. Doch es schleichen sich eigenartige Deutungen ein. Feuer ist erst dann Segen, wenn es in der Hand des Menschen fruchtbar werden kann und im übertragenen Sinne sein Herz entzündet. Sturm entfaltet erst dann seine heilbringende Kraft, wenn er reinigt, in Bewegung bringt und die Segel füllt.

Diese Bilder sollen zeigen: Dieser Geist wird nicht ausgegossen wie ein Serum oder ein Privileg sondern er wartet gleichsam am Morgen vor deiner Tür darauf, dass du ihn teilhaben lässt an deinen nächsten Schritten. Auf dem Katholikentag in Würzburg hörte ich ein schönes Beispiel für dieses zaghafte und Kraft entfaltende Wirken des Heiligen Geistes. Christine Lieberknecht, ehemalige Sozialministerin und Ministerpräsidentin von Thüringen stellte ihr Buch
„Wo Werte die Freiheit tragen – ein Plädoyer für Demokratie und Verantwortung! aus der Reihe „Spiritualität der Begegnung“ vor. Sie wurde unter anderem danach gefragt, wie sie sich ihre christlichen Werte in der DDR-Realität und später in der Politik bewahrt habe. Zwei Begebenheiten erzählte sie aus ihrer Kindheit, Erfahrungsbeispiele, die es ihr später ermöglichten, in Spannungssituationen nicht die Orientierung zu verlieren.

Sie hatte eine lebendige Erinnerung an ihre beiden Großmütter. Die eine war wagemutig und entschlossen. Sie hat mit ihren Enkeln Weitsprung von einer für Kinder recht hohen Mauer herunter gemacht. Sie feuerte die Kinder an und wer am
weitesten gesprungen war, hatte gewonnen. Die andere Großmutter war eher besonnen und klärte ihre Enkel über die Gefahren beim Spiel und im Leben auf.

Als zweites Beispiel erzählte Frau Lieberknecht von ihrem Vater, der für seine Kinder ein Monopoly-Spiel gebastelt hatte. Ein verbotenes Spiel in der DDR, das auch deshalb mit Begeisterung gespielt wurde. Kindheitserinnerungen? Frau Lieberknecht berichtete, wie allmählich sie sich diese Kindheitserlebnisse für ihr Leben in der DDR und in der Politik erschließen und entschlüsseln konnte. Die Spannung zwischen Draufgängertum und lähmender
vorsichtiger Vermeidung von Risiken muss ausgehalten und gestaltet werden – und wird so zu einer Gabe des Heiligen Geistes.

Diakon Bernhard Lippold, Erfurt