Aktuelles: Studien- und Workshoptag am 6. Juli: "Der Beitrag lebendiger Spiritualität für die Gesellschaft"

Prof. Dr. Markus Vogt, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München, spricht beim Studientag „Der Beitrag lebendiger Spiritualität für die Gesellschaft“ in Schönstatt, Vallendar (Foto: Brehm)

Fähigkeit zum Perspektivwechsel ist wesentliche Voraussetzung zum Brückenbauen

Hbre. Im Umfeld der Priesterweihe von Schönstatt-Pater Felix Geyer hat die Schönstatt-Diakonen-Gemeinschaft (SDG) zusammen mit dem Josef-Kentenich-Institut (JKI) zu einem Studien- und Workshoptag zum Thema „Der Beitrag lebendiger Spiritualität für die Gesellschaft“ in die Bildungsstätte Marienland auf Berg Schönstatt, Vallendar, eingeladen. Über 60 Teilnehmende erlebten ein interessantes und methodisch vielfältiges Veranstaltungsformat, unter nicht unwesentlicher Beteiligung von sozial engagierten jungen Erwachsenen aus der deutschen Schönstatt-Bewegung. Dr. Michael Gerber, Bischof von Fulda, Prof. Dr. Markus Vogt, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München, Prof. Dr. Joachim Söder, Katholische Hochschule NRW und Pater Déogratias Maruhukiro, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg waren zu inhaltlichen Beiträgen eingeladen.
 

Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und Engagement für strukturelle Veränderungen

In seinem eröffnenden Grußwort erinnerte der Fuldaer Bischof daran, dass vor 100 Jahren, nach dem Ende des ersten Weltkrieges, die aus dem Krieg heimkehrenden Schönstätter sehr interessiert gewesen seien an der sozialen Frage. Bei der richtungsweisenden Tagung im August 1919 in Dortmund-Hörde wäre der Vorschlag im Raum gestanden, dass Schönstatt – wie andere Aufbrüche jener Zeit auch – eine primär politisch-soziale Bewegung werden solle. Trotzdem sei – in Abwesenheit des Gründers Pater Kentenich – von den Hörde-Teilnehmern festgehalten worden, dass der Beitrag Schönstatts für die damalige gesellschaftliche Entwicklung ein spirituell-pädagogischer sein müsse zur Formung von Persönlichkeiten, die sich dann an anderen Stellen durchaus in Kirche, Politik und Gesellschaft einbringen können. „Spannend was aus Schönstatt geworden wäre, wenn sich der erstgenannte Vorschlag in Hörde damals durchgesetzt hätte“, so Bischof Gerber. Tatsächlich habe dieser sich nicht durchgesetzt. Die Gesellschaft – so Gerber -  brauche aber beides: einerseits den Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, andererseits aber auch das konkrete Engagement für strukturelle Veränderungen. Auch für eine Bewegung, die ihren Akzent primär auf die Persönlichkeitsbildung lege, sei es notwendig, wesentliche gesellschaftliche Vorgänge zu rezipieren.

Eröffnungsstatement: Dr. Michael Gerber, Bischof von Fulda (Foto: Brehm)

 
Deshalb sei es auch wichtig, so Gerber, dass das Motto für die kommende Jahresarbeit: „Der Geist Gottes wohnt in eurer Mitte – Klima wandeln“ nicht verkürzt nur im Hinblick auf die Wandlung des innerkirchlichen Klimas verstanden werden dürfe. Für eine internationale Bewegung die durchaus Schwerpunkte in Regionen habe, die deutlich stärker vom Klimawandel betroffen seien – er denke an das Herz Afrikas oder die Philippinen – gäbe es hier unmittelbare Bezüge zu allem was hinsichtlich des Klimawandels aktuell gesellschaftlich diskutiert werde. Und die Spiritualität eines – spätestens seit der Haftzeit des Schönstatt-Gründers im Konzentrationslager Dachau – universell verstanden Liebesbündnisses gebe einen Ansatzpunkt, das „Liebesbündnis mit der Schöpfung“ neu durchzubuchstabieren und aus der Mitte der schönstättischen Spiritualität einen Ansatzpunkt zu suchen. Insofern verstehe er das Engagement der Schönstätter Diakonen-Gemeinschaft und des JKIs, zusammen mit den anderen Trägern dieses Studien- und Werkstatttages „als eine pointierte Wortmeldung und Ansage, globale, gesellschaftliche und damit strukturelle Fragen auch im Kontext der Schönstatt-Bewegung auf der Höhe der Zeit zu diskutieren.“
 

Bernhard Lippold 8links) und Bernhard Brantzen, Diakone aus der Schönstatt-Diakonengemeinschaft (SDG) (Foto: Brehm) 
Schönstättisch-spirituelle Haltungen für soziales Engagement

Die Diakone Bernhard Brantzen und Bernhard Lippold (SDG) präzisierten in Ihrem Beitrag schönstättisch-spirituelle Haltungen für soziales Engagement, wie es in ihrer Gemeinschaft zu leben versucht werde. Der „marianisch diakonisch“ lebende Mensch sei ein lernender Beobachter und Begleiter, der sich in den gesellschaftlichen Prozess einmische. Er sei Anwalt der Übersehenen und Unscheinbaren, insbesondere der Notleidenden und Ausgegrenzten. Es gehe im darum, Menschen dabei zu unterstützen, die ihm von Gott gegebenen Kraftquellen und Ressourcen zu erschließen. Dabei bemühe er sich, Menschen miteinander zu vernetzen. Auf diese Weise erschließe er durch das „Leben mitten unter den Menschen“ das Evangelium und nehme dadurch verantwortlich die ureigenste Sendung der Diakonie der Kirche wahr. Das sei gelebte „Spiritualität der Solidarität“ die ihren Ursprung habe im solidarischen Bund zwischen Gott und Mensch.

Theresia Strunk, Dipl.-Theol., Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pastoralpsychologie und Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt a.M., moderierte den Studientag (Foto: Brehm)

 
Das sich anschließende Wandercafé ermöglichte den Teilnehmenden, Initiativen kennenzulernen, die aus Schönstatt heraus ganz bewusst in die Gesellschaft hineinwirken möchten. Die Begegnung mit Vertretern solcher Initiativen bot neben der Information über die konkreten Projekte (z.B.: bewegenswert e.V., Auslands-Zeit, Mein Weg – mit Schönstatt ins Ausland, JKI-Kursmodell „Kentenichpädagogik für Schulklassen“) die Möglichkeit, sich mit Haltungen sozial-diakonisch lebender Menschen auseinander zu setzen und diese mit der je persönlichen Grundeinstellung ins Gespräch zu bringen.

 

Dr. Markus Vogt stellte „Zwölf Thesen zu Definition und den Dimensionen christlicher Spiritualität sowie ihrer theologischen und gesellschaftlichen Relevanz in der gegenwärtigen Gesellschaft“ vor (Foto: Brehm)
 
Zwölf Thesen zu Definition und den Dimensionen christlicher Spiritualität

Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, konfrontierte die Zuhörerinnen und Zuhörer mit „Zwölf Thesen zu Definition und den Dimensionen christlicher Spiritualität sowie ihrer theologischen und gesellschaftlichen Relevanz in der gegenwärtigen Gesellschaft“. Spiritualität gehe davon aus, dass Gott mitten im Leben gesucht und gefunden werden könne, wobei gerade im postfaktischen Zeitalter das Vertrauen in die Vernunft eine zentrale Botschaft sei. Ein wesentlicher Aspekt der Spiritualität sei Begegnung. Glaube werde erfahren in der Wegbegleitung. Spiritualität ereigne sich dort, wo etwas schief gegangen sei. Sie sei krisengeborene Sinnerfahrung, Leidenschaft für das Leben und eine Umkehr- und Aufbruchserfahrung. Dabei sei ein prägendes Merkmal christlicher Spiritualität die Dimension der Gemeinschaft, das wachsende Bewusstsein des Verwiesenseins auf den Anderen.

 
Christliche Spiritualität sei aber auch politisch, transformativ. Sie wolle Strukturen verstehen und wo nötig verändern. Sie befähige im Kern zu einer situationsangemessenen Balance zwischen Radikalität und Kompromissbereitschaft, Mut und Vorsicht, Maßhaltung und überschwänglicher Freude. Vogt bezeichnete Spiritualität weiter als geprägte Lebensform, in der nicht nur für Angehörige von Ordensgemeinschaften die evangelischen Räte Gehorsam (Distanz zur Macht), Armut (Distanz gegenüber Besitz- und Reichtumsstreben) und Keuschheit (Distanz gegenüber hedonistischen Lebensmodellen) eine wichtige Rolle spielen. Spiritualität, die als Wissenstyp der Intuition, der Anschauung und der Emotion ganzheitlich Raum lasse, könne auch Teil einer „Aufklärung 2.0“ (E.U. von Weizsäcker) sein, die das Bewusstsein für die kulturellen und ökologischen Einbettungskontexte der Leitbegriffe moderner Gesellschaft wie Person, Freiheit, Natur, Liebe oder Schönheit wachhalte.

 
Dabei vertraue eine spirituelle Intelligenz auf die Logik des Herzens. Es gehe nicht um das Bescheidwissen über Gott, sondern um ein Wissen, das aus dem immer neuen Hören komme (Rahner). Spiritualität sei darüber hinaus auch ein Brückenbegriff, der zwischen kirchlichen und individualisierten, sowie christlichen und anders- oder nichtreligiösen Zugängen zur Frage nach Gott in der Gegenwart vermitteln könne. Abschließend bezeichnete Vogt in Anlehnung an Rötting Spiritualität als „Lebenswegnavigation“. Eine der Hauptaufgaben der Lebensbewältigung in der Gegenwart sei unter der Vielzahl von Möglichkeiten praktisch, denkerisch und religiös sich zu entscheiden. Hier sei Spiritualität die Verortung von Erfahrungen in einem Sinnsystem mit dem Ziel, Menschen handlungsfähig zu machen.
 
Podiumsgespräch mit (von links) Prof. Dr. Joachim Söder, Prof Markus Vogt, Theresia Strunk (Moderation) und Pater Déogratias Maruhukiro ISch (Foto: Brehm) 

Die Tiefendimension des Glaubens mit der Vernunft zusammen bringen

Zur Vertiefung des bis dahin Gehörten diente anschließend ein von Theresia Strunk souverän moderiertes Podiumsgespräch, an dem neben Prof. Vogt, LMU München, Prof. Dr. Joachim Söder, Prof. für Philosophie an der Katholischen Hochschule NRW und Pater Déogratias Maruhukiro ISch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Caritaswissenschaften der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg teilnahmen.
 
Prof. Söder, der u.a. aktiv im Vorstand des Josef-Kentenich-Institutes mitarbeitet und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist, betonte in seinem Statement, dass Spiritualität nicht das Gegenteil von Rationalität sei, „sondern es geht um den Glauben an die Vernunft, es geht darum letztendlich eine Vollform der Vernunft wieder zu gewinnen.“ Spirituell zu sein bedeute nicht, sich auf eine Rückwärtsbewegung zu begeben, wie manche den geistlichen Bewegungen gerne attestierten, „also fromm sein, nach hinten zurück, die Aufklärung rückgängig machen, sondern Spiritualität bedeutet Aufklärung 2.0 oder Wiedergewinnung einer Ganzheit von Vernünftigkeit, die mehr ist als Zweck-Mittel-Rationalität.“ Die große Ressource der Schönstatt-Bewegung bestehe darin, dass Vernünftigkeit nicht mit Frömmigkeit ersetzt werde, sondern das im Sinne einer Aufklärung 2.0 nach vorne gedacht und versucht werde, die Tiefendimension des Glaubens mit der Vernunft zusammen zu bringen. Gerade in dieser Fragestellung bestünde heute eine große Chance für die geistlichen Bewegungen und auch für Schönstatt, in der aktuellen Gesellschaft transformativ werden zu können.
 
Pater Déogratias Maruhukiro: Begegnungskultur hilft Ängste überwinden und macht Heilung möglich (Foto: Brehm)
 
Für Pater Déogratias Maruhukiro ist der Aspekt der „Begegnung“ im Zusammenhang mit der Spiritualität zur Erfahrung geworden. Auf dem Weg der Versöhnung nach dem Bürgerkrieg von 1993 zwischen den Volksgruppen der Hutus und Tutsis, sei es ganz wichtig gewesen, Orte und Rituale der Begegnung zu finden und zu entwickeln. Beispielsweise hätten Wallfahrten mit dem Bild der Gottesmutter Maria mit dazu beigetragen, Angst zu überwinden und erste Schritte zu machen: „Da gab es diese Angst voreinander. Man wollte sich nicht berühren, aber auf dem engen Wallfahrtsweg sind die Pilger irgendwie gezwungen gewesen, einander näher zu kommen.“ Durch die Wallfahrten sei eine Art Begegnungskultur entstanden, bei der Menschen durch Maria ermutigt worden seien, aufeinander zu zugehen, Ängste zu überwinden und so Heilung zu erfahren.
 

Fähigkeit zum Perspektivwechsel aufbauen

Prof. Vogt betonte beim Podiumsgespräch, dass die Berechtigung unterschiedlicher Perspektiven heute nicht mehr gut ertragen werden würden. Das hinge mit einem verkürzten Realitätsbegriff und auch mit der zweiwertigen Ja-Nein-Logik des digitalen Zeitalters zusammen. Gerade die Logik des Menschen, die Logik des Sozialen, des Religiösen habe aber immer mit Vieldeutigkeit zu tun. „Spiritualität besteht für mich wesentlich darin, die Unterschiedlichkeit von verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen und zu denken“, so Vogt. Nicht nur in der geistigen Auseinandersetzung sei es wichtig zu lernen, Fragen von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Beim Nachdenken über die Differenz zwischen dem eigenen Standpunkt, dem Standpunkt der Mehrheit oder auch dem Standpunkt Dritter sei die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel zentral. Erst im Hineindenken in die Meinungen anderer könne man bemerken, wie vielschichtig Leben ist, wie vielschichtig Menschen seien, wie vielschichtig die Gesellschaft ist. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel sei eine wesentliche Voraussetzung zum Brückenbauen oder um ein geistiges Urteilsvermögen zu entwickeln. Hier sei auch die Kirche heute gefordert, neu zu lernen, nicht vom hohen Ross herunter zu meinen, die Weisheit zu haben und über alles Gericht sitzen zu können. Dann könne sie sich wieder als Brückenbauer in die Vielfalt der Perspektiven einmischen, zur Versöhnung beitragen und Gesellschaft mitgestalten.
 

Interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Studien- und Workshoptages (Foto: Brehm) 
Engagierte Beiträge aus dem Kreis der Teilnehmenden

Aus dem Publikum heraus wurde bezugnehmend auf die Versöhnungsarbeit von Pater Déogratias in Burundi betont, dass Spiritualität doch ganz besonders auch mit Mut zu tun habe. Eine weitere Stimme aus dem Publikum unterstrich die von Prof. Vogt genannte Fähigkeit zum Perspektivwechsel als einen besonders schwergewichtigen Beitrag im Hinblick auf die Umsetzung der Thematik des Tages im Alltag und mahnte mehr solcher konkreter Beiträge an. Wichtig sei, so ein weiterer Beitrag aus dem Publikum, sich in der Begegnung mit anderen Menschen immer bewusst zu machen, dass der Andere ebenfalls ein Träger von Spiritualität sei. Deshalb sei es wesentlich und herausfordernd, die Haltung des Lernenden nicht zu verlassen: „Was will Gott mir durch ihn oder eine bestimmte Situation sagen?“ Es brauche im sozialen Miteinander mit anderen Menschen auch „eine Spiritualität der Geistesgegenwart“, so ein weiterer Beitrag. Häufig gehe es einfach darum, gegenwärtig zu sein, nicht manipulativ jemanden in eine Richtung zu drängen, sondern einfach als ehrlicher Gesprächspartner da zu sein. Dabei müsse man auch die eigenen Reaktionsmuster hinterfragen: „Gaube ich, dass mir in der Botschaft anderer, die eine völlig andere These vertreten als ich, eine Botschaft für mich begegnet?“ Es sei eine ganz schönstättische Haltung, sich anfragen zu lassen durch die Erfahrungsfelder und durch die Lebenshintergründe anderer. Wenn es der Kirche hier gelingen würde, zu einer neuen Kultur zu finden. Das könne dann durchaus Wirkung in die Gesellschaft hinein entfalten.
 

Studientagung „Diakonische Spiritualität – Spiritualität des Friedens und gesellschaftlichen Zusammenhalts“

Die SDG wollte mit diesem Studien- und Workshoptag dazu beitragen, dass sozial-diakonische Fragestellungen in der Schönstatt-Bewegung lebendiger werden. Ein erster Anfang im Blick auf die Frage, wie Hineinwirken in die Gesellschaft auf schönstättisch gehen kann, ist damit gemacht. Gerade jüngere Teilnehmende hätten sich noch konkretere Ergebnisse gewünscht. Das bleibt zukünftigen Veranstaltungen, eventuell der zweiten gemeinsamen Studientagung von SDG und JKI zum Thema: „Diakonische Spiritualität – Spiritualität des Friedens und gesellschaftlichen Zusammenhalts“, vorbehalten, die vom 4. bis 6. Oktober 2019 im Bildungshaus Marienland, Berg Schönstatt 8, 56179 Vallendar, stattfinden wird.

 

Bildnachweise: H. Brehm, www.schoenstatt.de